Das Leitbild der FPV

Wer wir sind

Die Freie Pädagogische Vereinigung (FPV) ist 1942 gegründet worden. Ihr Motiv war von Anfang an, für ein vertieftes Verständnis des pädagogischen Wirkens in den Schulen zu arbeiten. Die FPV organisiert in der bernischen Lehrerfortbildung Kurswochen und Vorträge. Ebenso gibt sie Publikationen heraus. Sie ist der anthroposophischen Menschenkunde verpflichtet, wie sie von Rudolf Steiner begründet worden ist.

Mitglied der Vereinigung kann werden, wer ihre Zielsetzung teilt und an der anthroposophischen Pädagogik interessiert ist. Besondere Kenntnisse oder Kursbesuche werden nicht vorausgesetzt.

Wo wir stehen

Der Wandel der Gesellschaft, insbesondere veränderte Familienstrukturen, das wachsende Multimedia-Angebot, die Digitalisierung und unterschiedliche Werthaltungen, konfrontieren die Schule mit neuen Aufgaben und Fragestellungen. Auf der einen Seite steht die seelische Not vieler Kinder und Jugendlicher, die sich in Konzentrationsschwäche, Verunsicherung, Orientierungslosigkeit, Sucht- und Gewaltsymptomen äussert; auf der anderen Seite sehen sich die betroffenen Erwachsenen neuen Verantwortungen und Belastungen ausgesetzt.

Oft genug münden sie in Ratlosigkeit und Resignation. Erziehende fragen sich, wie sie ihre pädagogischen Aufgaben mit der nötigen Kraft und Substanz bewältigen können. Burn-out oder Job-Wechsel in erzieherischen Berufen sind deutliche Zeichen dafür.

Die Pädagogik an unseren Schulen braucht deshalb eine gesundende, heilende Basis, damit sie Kinder und Lehrkräfte nicht krank macht, sondern stärkt. Die FPV zählt eine umfassende Menschenkunde zu den wichtigsten Grundlagen einer Erziehung, die menschliche Kräfte nicht abbaut, sondern entwickelt.

Was wir wollen

Die Freie Pädagogische Vereinigung ist der Auffassung, dass es nach wie vor dringend und notwendig ist, die pädagogische Arbeit mit Entschiedenheit in umfassendem Sinne gesundheitsfördernd zu gestalten. Eine verfeinerte Wahrnehmung des Kindes und seiner Individualität führt zu einem breiteren Verständnis seiner Entwicklung und zu angemessenen Erziehungsmassnahmen. Dies hilft uns, das Kind auf seinem persönlichen Weg adäquat zu begleiten. Pädagogische Arbeit auf dieser Basis wirkt sinnstiftend, motivierend und setzt neue Kräfte frei.

Im Zweckartikel der FPV-Statuten heisst es: „Die Vereinigung stellt sich zur Aufgabe, die von Pestalozzi geforderte und von Rudolf Steiner begründete Erziehungskunst in der Öffentlichkeit bekannt zu machen und zu fördern. Diese stützt sich auf die Einsicht in die Entwicklungsgesetze des Menschen. Die Anthroposophie Rudolf Steiners ist ihre geistige Grundlage."

Wofür wir einstehen

Wir gehen davon aus, dass eine wirkungsvolle Pädagogik nur im sogenannt "pädagogischen Dreieck" realisierbar ist: es ist das direkte Zusammenwirken von Lehrpersonen und Eltern mit den Kindern und Jugendlichen. Wir sind deshalb der Auffassung, dass die Lehrerschaft zusammen mit den Eltern die wichtigsten Verantwortungsträger für Schule und Unterricht sind. Das bedeutet, dass der Lehrerschaft für die Gestaltung einer pädagogisch wirksamen Arbeit ein Höchstmass an Autonomie gegeben werden muss. Dies betrifft insbesondere die Methodenfreiheit, die Freiheit in der Wahl von Lehr- und Unterrichtsmitteln sowie die ausreichende Möglichkeit, Schulformen und -inhalte gemäss den pädagogischen Zielsetzungen in eigener Verantwortung wählen und gestalten zu können.

Zugleich erachten wir es als die Hauptaufgabe des Gesetzgebers und der Behörden, diese Freiheiten rechtlich und wirtschaftlich in ausreichendem Mass zu ermöglichen und die Arbeit der Lehrerschaft vor schulfremden, nicht wirklich pädagogisch begründeten Ansprüchen zu bewahren und zu schützen. In diesem Sinne engagiert sich die FPV ebenfalls bildungspolitisch, wenn es darum geht, ein pädagogisch autonomes Bildungswesen auch im Rahmen der staatlichen Schule zu vertreten.

Was wir tun

Durch verschiedene Veranstaltungen und Publikationen leistet die Freie Pädagogische Vereinigung einen Beitrag zu einem substanziellen pädagogischen Wirken:

  1. Die FPV hat seit Anbeginn ihres Bestehens die Notwendigkeit der permanenten Lehrerfortbildung erkannt und gehört damit zu den Pionieren in der Bernischen Lehrerfortbildung. Mit der Herbstwoche in Trubschachen hat sie ein pädagogisches Forum geschaffen, wie es hinsichtlich Beteiligung, Konstanz und Qualität schweizweit einmalig ist.

  2. In einem vierteljährlich erscheinenden RUNDBRIEF an die Mitglieder und Interessenten der FPV werden pädagogische und bildungspolitische Fragen thematisiert, wird auf Neuerscheinungen von Büchern hingewiesen und über Fortbildungsveranstaltungen informiert.

  3. In Arbeitsgruppen der FPV wird an fach- oder stufenspezifischen Fragen gearbeitet.

  4. Durch einzelne Veranstaltungen wie Vorträge und Seminare schafft die FPV Treffen für die Auseinandersetzung mit aktuellen Fragen rund um die Pädagogik.

  5. Die Förderung von Buchveröffentlichungen aus dem Kreis der FPV, sowie das zur Verfügung Stellen vergriffener Texte in online Version, gehören ebenfalls zum Tätigkeitsbereich der Vereinigung.

  6. Die FPV führt eine Bibliothek in der Rudolf Steiner-Schule in Ittigen und betreut das Friedrich Eymann-Archiv.

Herkunft der FPV

Zwei Textstellen aus Vorträgen Rudolf Steiners seien hier erwähnt:

«...es hat uns viel geschadet, dass immer wieder und wieder betont wurde: Waldorfpädagogik kann nur in abgesonderten Schulen erreicht werden, während ich immer wieder gesagt habe, das Methodische kann in jede Schule hineingebracht werden. » (28. Dezember 1923 anlässlich einer Sitzung des Schweiz. Schulvereins)

«Gewiss, will man rein in anthroposophischer Pädagogik unterrichten, braucht man Musterschulen; solche Musterschulen sind also schon dringend notwendig. Aber da die anthroposophische pädagogische Kunst zunächst ein Methodisch-Didaktisches sein soll, also das Wie des Unterrichts betont, so handelt es sich darum, dass sie überallhin, in jede Art von Schule, in jede Art des Unterrichts durch den einzelnen Lehrer gebracht werden kann.» (14. April 1924 im zweiten Vortrag des Zyklus «Anthroposophische Pädagogik und ihre Voraussetzungen»)

Die Gründung der FPV ist stark mit der Person Friedrich Eymanns verbunden.

Friedrich Eymann und die FPV

Unter den Zuhörern im Berner Rathaus am 14. April 1924 befand sich damals auch Friedrich Eymann, für den die Worte Rudolf Steiners schicksalshafte Bedeutung bekommen haben.

Der kritische junge Pfarrer aus dem Emmental beschloss, sich ernsthaft mit Steiner auseinanderzusetzen. In der Folge wurde die Anthroposophie zur Grundlage seines eigenen Denkens und Forschens. Eymanns Religionsunterricht am Seminar Hofwil sprach die jungen suchenden Menschen sehr an. Er stellte den erkennenden Menschen in den Vordergrund, im Gegensatz zur damaligen Reformationstheologie (Barth, Brunner), die dem menschlichen Denken ein tiefgründiges Misstrauen entgegensetzte. Eymanns Sicht beinhaltete nicht zuletzt auch eine pädagogische Herausforderung, die von den jungen Menschen dankbar aufgenommen wurde. In offiziellen kirchlichen Kreisen musste Eymanns Anliegen aber auf Unverständnis und Ablehnung stossen.

1936 erschien das Buch "Anthroposophische Pädagogik und Staatsschule", das Eymann zusammen mit dem Volksschullehrer Max Leist herausgab. In ihm unterzog er die damals bestehenden Schulformen einer harten Kritik. Weder die alte "Lernschule" noch die moderne "Arbeitsschule" entsprachen seinen pädagogischen Idealvorstellungen. Vielmehr schwebte ihm eine "Menschenschule" im Sinne Pestalozzis vor, der eine geisteswissenschaftliche Anthropologie zu Grunde liegt. Eymanns z.T. polemischen Ausführungen verletzten einzelne Kollegen; seine Stellung als Seminarlehrer wurde auch von dieser Seite her erschüttert.

1938 wurde Eymanns Lehrauftrag vom bernischen Regierungsrat auf Antrag der Seminarkommission nicht erneuert. Die Vorwürfe gegen ihn lauteten u.a.: Unkollegialität, Beeinflussung der Schüler im Sinne anthroposophischen Gedankenguts, was zu "Unordnung und Wirrwarr" in den Schulstuben geführt habe. Weder politische Interventionen im Bernischen Grossen Rat noch der Einsatz seiner Schüler um die Rehabilitierung hatten Erfolg: im Frühling 1939 ging Eymanns Lehrauftrag am Seminar zu Ende.

1942 schliesslich begründete er, zusammen mit vielen Gleichgesinnten, die heute noch bestehende und an die 500 Mitglieder zählende "Freie Pädagogische Vereinigung" (FPV). Ihre Aufgabe umschreibt er folgendermassen: "Die Freie Pädagogische Vereinigung stellt sich zur Aufgabe, die von Pestalozzi geforderte und von Rudolf Steiner begründete Erziehungsweise zu fördern und auszubauen...". Bei den Mitgliedern handelte es sich zunächst ausschliesslich um Lehrkräfte an der Staatsschule.

1946 wurde in Bern eine erste Rudolf-Steiner-Schule eröffnet. Initianten und treibende Kräfte waren junge Eymann-Schüler. Eymann selber unterstütze das Wachsen der jungen staatsunabhängigen Schule mit Rat und Tat.

Eymanns Tätigkeit ab 1939 war vor allem diejenige eines Mentors und Erwachsenenbildners. In regelmässigen Zusammenkünften erarbeitete er mit den im Schuldienst stehenden Lehrerinnen und Lehrern pädagogische, künstlerische und menschenkundliche Themen. Immer stand dabei anthroposophisches Gedankengut im Zentrum. Ab 1945 (und bis in die Gegenwart) findet jährlich in den Herbstferien eine "Studien- und Übungswoche für anthroposophische Pädagogik" in Trubschachen statt. Auch im Rahmen der Volkshochschule entfaltete Eymann eine überaus fruchtbare Vortragstätigkeit. Menschen aller Schichten gehörten zu seinen Zuhörern. Die wichtigsten Vortragsorte waren Bern, Biel und Thun, daneben sprach er aber auch in zahlreichen kleineren und grösseren Dörfern des Bernerlandes. Seine Wirksamkeit ging aber über den Kanton Bern hinaus, auch in anderen Schweizer Städten und gelegentlich im Ausland hielt er Kurse und Vorträge. So steht auch in Wien eine von ihm inspirierte Friedrich Eymann Waldorfschule.

(Auszüge aus der Biografie Eymanns von Christian Bärtschi)